Documentary

CARENOMADINNEN

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CARENOMADINNEN

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CARENOMADINNEN
Österreich 2021 / 17min / Digital 2K
Slowakisch/Deutsch mit deutschen Untertitel

Konzept, Regie: Katarina Csanyiova
Kamera und Montage: Daniel Dlouhy
Postproduktion: Bunny Beach Film

Text von Jo Schmeiser
„Den Arbeitsvertrag kannst du als Toilettenpapier benutzen!“
Beobachtung der Entstehung einer Arbeit von Katarina Csanyiova
Wir fahren durch einen Tunnel, die Kamera nach außen gerichtet. Es ist Nacht oder früher Morgen. Die Straßenbeleuchtung. Fragmente der Ausstattung eines Kleinbusses auf der Fahrt. Ein gelblich grauer Himmel. Die Kamera ruckelt. Wir, das sind die Zuseher*innen, Beobachter*innen, ich eine davon, die in sicherer Distanz vom eigenen Schreibtisch aus auf den Weg, die Wege blicken, die
slowakische Pfleger*innen von ihrem Zuhause in der Slowakei bis zum Pflegehaushalt in ganz Österreich zurücklegen. Sie arbeiten für Caritas oder Hilfswerk und fahren alle paar Wochen hin und her. Die meisten sind Frauen*, wir hören ihre Stimmen in slowakischer Sprache und lesen die deutschen Untertitel, die uns von den deregulierten und ungesicherten Arbeitsbedingungen erzählen. „Für 1 Jahr Arbeit bekomme ich 10 Euro Pension!“ lacht eine der Pfleger*innen im Off.

Politik der Un*sichtbarkeit
Wenn wir die Frauen* sehen, sprechen sie nicht. Sie erholen sich auf der Fahrt, schauen aus dem Fenster. Sie benutzen ihr Mobiltelefon, blättern in einem Magazin. Auf dem Parkplatz einer Raststätte vertreten sie sich in der Pause die Beine. „Habe ich alle meine Damen?“ fragt der Fahrer und es geht weiter. Wenn die Frauen* sprechen, sehen wir sie nicht. Ein kollektiver Raum entsteht, in dem nicht nur die Arbeitsbedingungen zur Debatte stehen, sondern auch die Ambivalenzen in der eigenen Haltung gegenüber dem Ausbeutungsverhältnis. Eine Pfleger*in erzählt von ihrer Scham, sich dermaßen ausbeuten zu lassen. Eine andere erklärt den Zusammenhang der komplexen Profitkette, die von den österreichischen und slowakischen Regierungen über die Agenturen, Organisationen und Kund*innen bis zu ihnen selbst als Scheinselbstständige reicht: „Es wird niemand etwas dagegen tun, weil es allen passt.“

Die Kamera von Daniel Dlouhy zeigt verschiedene Landschaften, Tageszeiten, Wetterlagen durch die Scheiben des Kleinbusses. Die Rück- und Seitenspiegel oder auch andere Teile vom Bus am Rande der Kadrage fungieren als Repoussoir-Figuren für uns, hier, am österreichischen Schreibtisch. Oft in
der Unschärfe bleibend, verweisen sie auf uns, unsere Eltern, Großeltern. Auf meinen 90-jährigen Onkel Hans z.B., der mit zwei 24-Stunden-Pfleger*innen aus Bulgarien lebt. Mit Benka und Ratka, die sich abwechselnd in seinem Haus in der Steiermark um ihn kümmern. CareNomad*innen, wie Katarina Csanyiova sie nennt.

Widergabe
CareNomad*innen, so heißt auch ihre Videoarbeit im Entstehen, wird 3 Teile haben. Der erste Teil „ganz plain“, sagt Katarina Csanyiova. Dokumentarisch, die Frauen, die Fahrten und Kilometer. Dazwischen Reflexionen der Arbeit. In Teil 2 verfremdet die Künstlerin das Material durch die eigene Stimme, kanalisiert es durch den eigenen Körper. Sie spricht die CareNomad*innen. Ihre Aussagen.
Wiedergabe, also Dokumentiertes, wird hier zur Widergabe, wie Katarina Csanyiova bereits eine frühere Arbeit betitelt hat. Sie löst Gesagtes aus dem Kontext, in dem es ursprünglich artikuliert wurde, heraus und legt es dann dritten Personen „ans Herz“ oder „ins Ohr“. In der aktuellen Reproduktion oder Aufführung erscheinen den ursprünglich handelnden Personen ihre Worte in einem neuen Licht. Das Unbequeme im Gesagten verschafft sich Gehör, der Einspruch im Widerspruch – als Hoffnung.

Im dritten Teil setzt Katarina Csanyiova Zahlen und Fakten ins Bild. Klauseln und Geldstrafen, sollten die Pfleger*innen dieses oder jenes nicht erfüllen. Mit Schrift, Spiegelschrift, arbeitet die Künstlerin schon lange. Eine Art Notation, um Gedanken zu ordnen und Spuren zu hinterlassen. Nach der Durchsicht sagt der Anwalt zur Pfleger*in: „Den Arbeitsvertrag kannst du als Toilettenpapier benutzen!“ Widergegeben wird der Satz zur Drohung: Zurück zum Absender. Etwas Unscharfes baumelt am Rückspiegel, ein Glücksbringer vermutlich.